Vor den Vorhang: Die Schönwieses!
Was für eine Familie! Die Schönwieses! Der Vater Florian: Spitzen-Orchestermusiker, Leadership-Experte und Unternehmer. Die Mutter Dorothea, genannt Dorli: langjährige Solo-Cellistin des Concentus Musicus, psychologische Beraterin und Dialogprozessbegleiterin. Die Kinder: Emilia (22) studiert an der Angewandten in Wien „Zeichnen und Druckgrafik“ und ist rappende Singer-Songwriterin. Elsa (25) hat Physik studiert mit Master am King’s College in London, wo sie aber auch eine Dirigier-Ausbildung absolviert und in Wien ein Laien-Orchester gegründet hat: das Complexity Orchestra, das am 9. Mai im Ehrbar Saal gastiert. Und dann ist da noch Sophie (30), die zur Abwechslung Malerin ist und Reiki macht. Sophie singt “nur” in einem Kirchen-Chor.
Angefangen hat alles mit Bach, in den Proben zur Aufführung einer „Johannespassion“ in Kärnten, wo es zwischen der Geige und dem Cello, also zwischen Florian und Dorli gefunkt hat. Der Rest ist die illustre Genese einer Familie, die zuerst in einer günstigen, schönen, großen Altbauwohnung beim Wiener Heumarkt gelebt hat. „Die Lage war ideal“, erzählt Florian, „zu Fuß fünf Minuten zum Konzerthaus und zehn zum Musikverein. Doch wir wollten raus aus der Stadt. Ich bin im Ennstal aufgewachsen in den Bergen und auch Dorli hatte Sehnsucht nach der Natur. Wir hatten damals zwar ein Haus in der Buckligen Welt gemietet, aber nachdem Musiker das Konzept Wochenende nicht kennen und die Kinder unter der Woche Schule hatten, waren die Ausflüge aufs Land schwierig zu koordinieren.“ Ein Problem stellten natürlich auch die geschmalzenen Immobilienpreise Richtung Westen in den Wienerwald dar, wo die Familie hinwollte, um schließlich in Eichgraben ein leistbares Haus zu erwerben, wo die Schönwieses nun seit 2010 leben.
Am Anfang seiner Karriere hat Florian nach einem Violin-Studium in Wien und London mit einem Vorspielen vor dem Meister die Aufnahme in den legendären Concentus Musicus unter Nikolaus Harnoncourt geschafft. Der Zufall will es, dass dieses Interview kurz nach dem 10. Todestag des Kultdirigenten und Pionier des Originalklangs stattfindet, an dem Florian Schönwiese im Musikverein mitspielte, als der Concentus Musicus unter Stefan Gottfried das Brahms-Requiem musizierte: „Das war schon traurig!“ Aber jetzt muss natürlich die Frage kommen, was für eine Bedeutung Harnoncourt für den aufstrebenden Junggeiger Florian hatte? „Für mich war er eine eminent wichtige Persönlichkeit, musikalisch sowieso. Er hat mein Verständnis von Musik fundamental beeinflusst, nicht an der Oberfläche zu bleiben, den inneren Ausdruck der Musik zu evozieren und er hat auch zur Entwicklung meines Konzepts von Leadership beigetragen. Ich habe da bei den Proben als Studienobjekt eine sehr überzeugende Führungskraft beobachten können. Wie kriegt man einen Haufen von starken Musikerpersönlichkeiten, die selber unterrichten, Ensembles leiten, wie macht man das, einen solchen Haufen in eine Richtung zu schicken. Ich habe ihn studiert, ihn auch besucht in St. Georgen und Interviews gemacht, das Band gibt es noch.“
Das Stichwort Leadership liefert die Überleitung zu einem weiteren Kapitel in Florians Leben: der Unternehmer Schönwiese. Der exzellente Musiker Schönwiese hätte sein restliches Leben in Orchestergräben mit renommierten Dirigenten oder auf Kammermusik-Podien rund um die Welt verbringen können. Aber er hat neue Herausforderungen gesucht: in der Administration und im Management, er hat ein MBA-Programm an der Donau-Universität in Krems absolviert, sieben Jahre zwei Kulturunternehmen geleitet und 2014 das Start-up „The Sound of Leadership“ gegründet. Dahinter steckt ein Konzept, „das die Kraft der Musik und die Erfahrung von professionellen Musikern nutzt, um schneller und tiefgründiger Haltungen, Werte, Kompetenzen und Fähigkeiten von Führungspersönlichkeiten zu identifizieren, zu erleben und weiterzuentwickeln“ kann man auf der Homepage Florians nachlesen. In der Realität handelt es sich um ein Leadership‑Training, das Führungskräfte auch ohne musikalische Vorkenntnisse durch das Dirigieren eines Profi-Musikensembles ihren eigenen Führungsstil unmittelbar erleben, überprüfen und auf einen noch höheren Level heben lässt.
In einem Vortrag, der auf Youtube zu sehen ist, sagt Florian den bemerkenswerten Satz: „Leadership is about making others better“. In der Realität passiert meistens das Gegenteil! Florian: „Die hohe Kunst der Führung besteht darin, vorzugeben, was zu tun ist, wohin es gehen soll, aber dem Team einen Freiraum zu lassen, wie das zu realisieren ist und seine eigenen Fähigkeiten einzubringen.“ Das Konzept von „The Sound of Leadership“ zieht nach wie vor begeisterte Teilnehmer aus der ganzen Welt an und wurde seither stehts weiterentwickelt und verfeinert. Einen maßgeblichen Anteil daran, verrät Florian, hat Dorli „mit ihrem untrüglichen Gespür für Menschen. Sie hat eine Ausbildung zur Dialogprozessbegleiterin und psychologischen Beraterin gemacht und wir bieten zusätzlich einen Workshop „Listen & Lead“ an, in dem es um die Kunst des Zuhörens geht. Was braucht es zu einem guten Gespräch? Dafür haben Dorothea und Ich Übungen entwickelt und auch hier liefert die Musik ein sehr hilfreiches Tool für einen besseren Austausch. In einer Gesellschaft von lauter Ich-AGs, in der keiner dem anderen zuhört, gilt es dagegen zu arbeiten.“
Nun würde man meinen, Florian Schönwiese hat mit dem allem genug zu tun, aber nein, er engagiert sich auch politisch, zunächst als Sympathisant und seit 2020 als Gemeinderat der Grünen in Eichgraben. Wobei ihm das grüne Engagement quasi in die Wiege gelegt wurde, in Irdning, dem steirischen Teil des Ennstales, wo Florian 1971 als zweites von sechs Kindern geboren wurde: „Mein Vater war Architekt und hat sich schon in den 1970er Jahren mit tiergerechter Haltung in dementsprechenden Ställen beschäftigt und Bürgerinitiativen mitbegründet etwa gegen die Autobahntrasse im Ennstal. Und der junge Florian hat sich dort schon aus Protest gegen den Autobahnbau auf einer Baustelle angekettet, als die Letzte Generation noch nicht geboren war.
Jetzt agiert Florian Schönwiese im Gemeinderat von Eichgraben, er sitzt im Prüfungsausschuss und er sitzt naturgemäß auch im Musikschulverband Eichgraben – Maria Anzbach, was immer wieder auf Diskussionen mit dem Bürgermeister hinausläuft: „Die zwei Gemeinden entsenden jeweils drei Gemeinderäte in den Vorstand. Im niederösterreichischen Musikschulgesetz ist es so geregelt, dass die Vorgesetzten und Geldgeber die lokalen Politiker sind, die oft wenig Ahnung von Musik haben und die MusikschulleiterInnen kaum die Möglichkeit haben, zu fordern, was für eine echte Qualität der Musikschule notwendig ist. Wir haben hier die Situation, dass unser Bürgermeister das alles viel zu teuer findet. Er sieht zum Beispiel nicht ein, dass gute, erfahrene Musikschullehrer engagiert werden, weil sie teurer sind. Meine Aufgabe in dem Vorstand ist, meine Erfahrungen einzubringen und auf dieser Notwendigkeit zu bestehen ebenso wie auf der Wichtigkeit von Musik für die Entwicklung der Kinder. Ich habe Verständnis für den Bürgermeister, dass nicht alles gefördert werden kann. Aber Kultur ist ein elementarer Bestandteil unserer Gesellschaft, seit Jahrtausenden. Um dieses Verständnis kämpfe ich. Auch die Wissenschaft hat da neue Erkenntnisse präsentiert: die Musik galt ja lange als „cheesecake of evolution“, nice to have, aber fürs Überleben nicht wirklich notwendig. Mittlerweile hat die Gehirnforschung herausgefunden, dass es genau umgekehrt ist und Musik die Grundlage liefert für ganz viele Entwicklungen in unserem Gehirn. Musik und Musik machen ist für unser Gehirn elementar wichtig und wirkt sich nicht nur auf unsere soziale, sondern vor allem auf die kognitive Intelligenz aus.“
Bleibt zum Schluss die übliche Frage in dieser Serie „Vor dem Vorhang“: Was gefällt an Eichgraben und was könnte man besser machen? Florian muss nicht lange nachdenken: „Die Lage! Weil ich in den Wald laufen gehen und auch in 30 Minuten in Wien sein kann. Dann die gute Nachbarschaft, die hier herrscht. Und die aktive Gesellschaft, die ein Brückenfestival veranstaltet. Aber ich sehe schon auch die Gefahr des Untergangs dieser tollen Formate, weil sie von der Politik untergraben werden. Ich glaube, die Kraft einer Gemeinde liegt in der Vielfalt und Buntheit der Menschen. Die gilt es zu fördern, schon bei den Kindern. Auch aus meiner beruflichen Erfahrung heraus bin ich der Überzeugung: Wir müssen miteinander agieren, denn gegeneinander schaffen wir nichts.“